1 Einführung

Über den Mittelmeerraum im Mittelalter gibt es wegen der komplexen Situation noch keine zusammenfassende Darstellung. Eine Untersuchung der Zeit zwischen 500 und 1500 n. Chr. muß politische, ethnische und religiöse Gesichtspunkte beinhalten:

  1. Die politische Welt war geprägt durch den Übergang des spätrömischen in das byzantinische Reich. Außerdem gab es nordspanische und südfranzösische Fürstentümer im Westen, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation im Norden und das Kalifat bzw. seine Nachfolgestaaten im Süden (Nordafrika und Teile Südspaniens).
  2. In Italien lebten romanischsprachige Völker, im byzantinischen Reich griechischsprachige. Die Slawen an der östlichen Adriaseite wurden erst später zu einem bestimmenderen Faktor. Im Südosten lebten simitische Stämme (Araber).
  3. Das Christentum war bereits im gesamten Mittelmeerraum (in den verschiedensten Nuancen) verbreitet. Während Byzanz orthodox-orientalisch ausgerichtet war, herrschte im nördlichen, aber auch östlichen Raum die römisch-katholische Kirche unter dem Papst vor. Muslime lebten hauptsächlich in Palästina, Afrika und Südspanien. Jüdische Gemeinden waren zwar zahlreich, aber nur punktuell in Einzelgemeinden organisiert.

Das verbindende Element dieser sehr unterschiedlichen Faktoren war das Mittelmeer durch seinen geschlossenen Raum: ähnliches Klima, ähnliche Wirtschaft und Verhaltensweisen der Völker. In der antiken Welt gab es außer ihm nur noch das umgreifende Außenmeer, das die Welt begrenzte. Das Mittelmeer war die Geburtsstätte der europäischen Kultur, alle bedeutenden Reiche bis ins 10./12. Jahrhundert waren Anrainer: Ägypten, Phönizien, Griechenland, römisches Reich, Arabien, westgotisches Reich und das abessidische Kalifat.

Im 12. /13. Jahrhundert verschob sich das politische Gewicht nach Osten: das heilige Königtum Jerusalem wurde 1099 als Ableger (nicht als Kolonie) eines westeuropäischen Reiches in einer anderen Kultur gegründet und in Konstantinopel entstand 1204 das lateinische Kaiserreich. Der Aufschwung in England, Flandern, NFR in den Letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts minderte die Bedeutung des Mittelmeerraumes, noch mehr aber die Hanse und die Nordsee im 14. Jahrhundert. Als zentraler Handelspunkt wurde der Mittelmeerraum erst Ende des 16. Jahrhunderts mit der Eroberung von Byzanz durch die Osmanen abgelöst. Die Epoche des Weltbinnenmeeres wurde letztlich erst durch die Weltumseglung beendet.

Der geistige und materielle Austausch in der Mittelmeerwelt läßt sich in fünf Phasen einteilen:

  1. Römisches Reich - 5. Jahrhundert: reger Austausch durch politische Einheit und gute griechische/lateinische Sprachkenntnisse im Osten und Westen
  2. 6. Jahrhundert (unter Justinian): griechisch-lateinisch-ostgotische Symbiose von Kunst und Literatur
  3. 6. - 12. Jahrhundert: nur Einzelkontakte
  4. 12./13. Jahrhundert: intensiver Austausch durch die Kreuzzüge
  5. 14./15. Jahrhundert: Phase des stärkste Austauschs in beide Richtungen

Die Träger des Austauschs waren in der ersten und zweiten Phase hauptsächlich Beamte, Soldaten, Händler und Handwerker, in der vierten Phase die Kreuzfahrer, politische und geistliche Gesandtschaften und Eheschließungen zwischen byzantinischen und europäischen Fürsten. In der letzten Phase der Einheit des Mittelmeerraumes waren es wieder Händler, aber auch Ordensniederlassungen und Ehen auf mittlerer aristokratischer Ebene.

Die historische Geographie ist nicht identisch mit der politischen Geographie: sie behandelt nicht die Geschichte einzelner Staaten, sondern ihre politischen Beziehungen und Verbindungen und die Veränderung des Raumes im Hinblick auf die Geschichte der Staaten.