6 „Intellektueller“ bei den bürgerlich-demokratischen Humanisten
Anders als in der Dreyfus-Affäre haben die Angegriffenen nicht mit gleicher Energie ein positives Konnotationsfeld aufgebaut. Dem Schimpfwort wurde kein Identifikationsangebot „Intellektueller“ entgegengesetzt. Zunächst werden in diesem Kapitel werden drei exemplarische „opinion leader“ des bürgerlich-demokratischen Lagers vorgestellt: Graf Hermann Keyserling, Alfred Döblin und Ernst Robert Curtius in seiner Auseinandersetzung mit Karl Mannheim. Die Ergebnisse werden dann mit der Masse des zusammengetragenen Materials konfrontiert. Es wird sich zeigen, 1) dass es Tendenzen gibt, auch in der demokratischen Mitte das Wort „Intellektueller“ negativ zu verwenden, 2) dass es an markanten Punkten ganz fehlt und 3) dass die positiven Ersatzwörter „Geistiger“, „geistiger Mensch“ keine Durchschlagskraft entwickeln.
Nicht erst die historische Forschung deckte die Konstellation der Kräfte auf, die der Weimarer Republik den Garaus machten, auch die Zeitgenossen hatten die tödliche Gefahr erkannt. Schon kurz nach der Entstehung des neuen Staates warnte der profilierte Demokrat Prof. Ernst Troeltsch: „Links wie rechts rechnet man auf die Zertrümmerung der jetzigen Regierung der Mitte.“ Im selben Vortrag machte er den Vorschlag, „eine möglichst große und starke Intelligenzpartei“ zu schaffen, um dies zu verhindern. Dieses Ziel konnte natürlich nur erreicht werden, wenn die Wörter „Intelligenz“ und „Intellektuelle“ gegen negative Besetzungen verteidigt wurden. Aber obwohl man gegen Ende der Weimarer Republik selbst die sprachlichen Mittel und Formeln der Gegner klar erkannt hatte – gerade auch die Hetze gegen „den Intellektuellen“ – gab es wenig Widerstand und zum Schluss nur noch Resignation. Der liberale Spitzenpolitiker Prof. Willy Helpach gedachte am 19. Februar 1933 des Todes von Carl Heinrich Becker, Preußens berühmtem Kulturminister, mit einem düsteren Bild: „Das Bündnis der jungen Republik mit dem Geist ist gelöst. [...] Wissen gilt als Ohnmacht, Vernunft als Schwäche, Intellekt als Zersetzung“. Die Gründung einer „großen und starken Intelligenzpartei“ war misslungen. Obwohl Troeltsch 1920 auch schon die Parallelen zur Dreyfus-Affäre im Kampf um die „Intellektuellen“ erkannt hatte gelang es den Intellektuellen nicht einmal, ihren eigenen Namen zu verteidigen.
Dabei hatte es – trotz der schmalen Personalbasis der demokratisch, liberal und humanistisch gesonnenen Mitte – nicht an profilierten Symbolfiguren gefehlt: Da waren Gerhart Hauptmann und Thomas Mann, beide Nobelpreisträger, Heinrich Mann und Alfred Döblin. Es gab die „Sektion für Dichtkunst“ in der Preußischen Akademie der Künste als Forum der Schriftsteller. Auch einige Professoren – wenn auch eine Minderheit – stützten die Republik. Allerdings waren zwei der bedeutendsten und aktivsten Hochschullehrer – Max Weber und Ernst Troeltsch – bereits Anfang der zwanziger Jahre gestorben. Ernst Robert Curtius, ein Bonner Romanist, versammelte 1932 eine Reihe engagierter Aufsätze unter dem Titel „Deutscher Geist in Gefahr“. Nur ein führender Kopf aus dem Raume der Universität hat das gesamte Schicksal der Weimarer Republik kommentierend, warnend, mahnend begleitet: Friedrich Meinecke. Am intensivsten in die Politik eingegriffen hat Willy Helpach, Kandidat für das Amt des Reichspräsidenten und Spitzenpolitiker der liberalen „Staatspartei“. Neben den Schriften dieser Persönlichkeiten müssen natürlich – es geht im das Wortverständnis der breiten Massen – auch Publikationen berücksichtig werden, die allgemeines Bewusstsein im demokratischen Lager repräsentierten. Dazu gehören die politisch-literarische Zeitschrift „Die neue Rundschau“, und die Tageszeitungen „Berliner Tageblatt“ und „Vossische Zeitung“, die wie die „Rote Fahne“ und „Der Angriff“ in der Reichshauptstadt saßen.