4 Das nationalistisch-faschistische Schimpfwort „Intellektueller“

Die Weimarer Republik war geistig so vielfältig, dass keine Überzeugungen blieben, die allen gemeinsam und damit dem Staat ein sicheres Fundament gewesen wären. Sie ging unter dem Ansturm der rechten und linken Radikalen zu Grunde. Diese geschichtliche Tatsache legt eine Dreiteilung der Untersuchung des Wortgebrauchs von „Intellektueller“ nahe: Einer Betrachtung des nationalistisch-faschistischen Wortgebrauchs muss der marxistische gegenüber gestellt werden, und mit beiden muss die Interpretation der demokratischen Mitte verglichen werden.

Bering beginnt mit dem Intellektuellenbegriff der „Rechten“, wobei er die beiden gegensätzlichsten Strömungen für die Darstellung auswählt: Die „Konservative Revolution“, der es um eine geistige Erneuernung ging, und dem rein machtorientierten Nationalsozialismus. Die Äußerungen der konservativen Revolutionäre verrieten einen Mangel an präzisem, nüchternem Denken, dennoch sind sie ein ernstzunehmendes Bekenntnis. Die Nationalsozialisten übernahmen dagegen lediglich Gedanken der „Konservativen Revolution“ als Schlagwörter und verarbeiteten sie in ihrem vagen Ideenbrei, in dem jeder nationale Mann seine „Ideen“ wiederfinden zu können glaubte. Als Quelle bietet sich für die „Konservative Revolution“ die auflagenstarke Zeitschrift „Die Tat“ an, für den Nationalsozialismus neben Hitlers und Goebbels’ Reden natürlich der „Völkische Beobachter“ und „Der Angriff“. Ein einender Grundsatz der Rechten während der Weimarer Republik war der Anti-Intellektualismus. Dass in der Welt und im Staat nicht der Ratio die Herrschaft gebühre, war die Überzeugung aller, wobei „Die Tat“ den irrationalen Denkansatz auf so hohem Niveau verfocht, dass er auch für Gebildete akzeptabel schien.

Nach präzisen Definitionen des „Intellektuellen“ sucht man deshalb vergeblich, denn es geht ja um Propaganda. Die Beschreibungsversuche sind entweder kurz („Schicht der Überklugen“) oder weitschweifig-nebulos: Der intellektuelle Verstand sei „ewig klügelnd, ewig forschend, aber auch ewig unsicher, ewig schwankend, beweglich, nie fest“. Dagegen haben die Männer der „Tat“ versucht, „die Intelligenz“ als positiven Gegenbegriff zu definieren, denn von der Intelligenz erhofften sie – anders als die Nationalsozialisten – Rettung aus schwerer nationaler Bedrängnis. Dabei griff der Chefredakteur Hans Zehrer 1930 auf die Vorstellungen Viktor Huebers zurück: Die Intelligenz sei eine Schicht, die „den Rahmen dieser Zeit in einem größeren geistigen Zusammenhang überschaut [...] Diese Schicht gewährleistet gewissermaßen die Selbstkorrektur des Zeitgeistes“. Mit „Intellektueller“ arbeitete man dagegen, wenn die bezeichneten Personen mit linken Gruppen in Verbindung gebracht werden sollten. Diese Unterscheidung zwischen positiv konnotierter „Intelligenz“ und negativ konnotiertem „Intellektueller“ begann schon 1912 und hatte sich bis zum Ende der Weimarer Republik eingeschliffen. Ihrer radikalen Tendenz entsprechend, zogen die Nationalsozialisten beide Begriffe ins Negative, wobei „Intelligenz“ durch bestimmte Zusatzformeln ins Positive gekehrt werden konnte.