2 Die Dreyfus-Affäre

Nun kann man auf die Beschimpfung „Intellektueller“ reagieren, indem man dem Angreifer die Waffe aus der Hand schlägt, das Wort mit positiven Eigenschaften fest verknüpft und dadurch „erobert“. Ein Schulbeispiel dieser Art ist die Dreyfus-Affäre in Frankreich. Nachdem im September 1894 ein fingierter Spionagebrief im Generalstab der französischen Armee aufgetaucht war, machte die antisemitische Presse den jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus verantwortlich. Im Dezember 1894 wurde Dreyfus vors Kriegsgericht gestellt und in einem skandalösen Prozess wegen Hochverrats zu lebenslanger Verbannung verurteilt. Zwei Jahre später wurde das Original des belastenden Briefs veröffentlicht, und ein Bankier erkannte die Schrift des Majors Esterhazy. Obwohl damit die Unschuld Dreyfus’ feststand, wehrten sich die Armeeführung und die nationalistische Presse gegen eine Revision des Prozesses. Den Höhepunkt des Kampfes bildete die Veröffentlichung eines Offenen Briefes von Emile Zola am 13. Januar 1898 in Georges Clemenceaus Zeitung „L’Aurore“, in dem er verdächtige Offiziere, die Armeeführung, das Kriegsministerium und das Kriegsgericht anklagte („J’accuse“). Darauf reagierten die Nationalisten und Antisemiten mit wütenden Demonstrationen, Zola wurde wegen Beleidigung des Kriegsgerichts der Prozess gemacht. Aber er blieb nicht allein: Einen Tag nach seinem „J’accuse“ wurde in der „Aurore“ ein Manifest des Protestes gegen den Prozess von 1894 veröffentlicht. Von nun an publizierten die dreyfus-freundlichen Zeitungen jeden Tag lange Listen mit neuen Unterschriften, wobei die Vertreter der akademischen Berufe, Künstler und Publizisten dominierten. Allerdings unterschrieben auch Leute aus ganz anderen Berufs- und Bevölkerungsschichten.

Zu diesem Zeitpunkt war das Wort „Intellektueller“ noch kaum bekannt, jedenfalls nicht in der politischen Sprache. Die Wortschöpfung wurde George Clemenceau zugeschrieben. Maurice Barrès, ein Schriftsteller der faschistischen „Action française“ höhnte, mit der Bezeichnung „Protest der Intellektuellen“ schreibe man das Adressbuch der Elite, da wolle natürlich jeder dazugehören. Allerdings tauchte das Wort in der „Aurore“ vom 14. Januar überhaupt nicht auf. Zum ersten Mal liest man es am 19. Januar in der Zeitung „Le Droit de L’Homme“, zwei Tage später übernimmt es das Antisemitenorgan „La Libre Parole“. Es ist nicht einmal sicher, ob die Republikaner oder ihre Gegner das Schlagwort aufbrachten. Gerade diese Unsicherheit und die Neuheit des Wortes mussten ideologischer Polysemie Vorschub leisten.

Die Gegner der Revision prägten das Schimpfwort. Maurice Barrès definierte:

„Der Intellektuelle ist ein Individuum, das davon überzeugt ist, dass die Gesellschaft sich auf Logik gründen muss. Er verkennt, dass sie in Wirklichkeit auf früheren und vielleicht dem individuellen Verstand fremden Notwendigkeiten beruht.“

Damit markiert er den Gegenpol zu seinem eigenen Denken, das im Nationalismus und dieser wiederum in der Idee der „Rasse“ wurzelt. Der Personenkreis der „Intellektuellen“ wird dabei ausdrücklich nicht au Künstler und Wissenschaftler beschränkt, was angesichts der Unterzeichner des Manifests wichtig ist. Barrès verbindet nun eine Reihe von Konnotationen mit dem Begriff:

  • Der Intellektuelle ist abstrakt und instinktlos. Die an den Universitäten gelehrte kantische Philosophie verstellt ihm den Blick für die Realität. Während er alles nach einer abstrakten Idee beurteilt, nehmen die Nationalisten Frankreich, in dessen Boden sie verwurzelt seien, als Maßstab und vertrauen auf ihre heimatlichen Instinkte.
  • Weiterhin ist der Intellektuelle antinational, weil er es für richtig hält, das national Unbewusste zu verachten. Die Furcht vor der „zersetzenden“ Wirkung der Intellektuellen und zog sich durch die gesamte rechte Presse, zumal Zolas Vater Italiener war.
  • Die in der Diaspora lebenden Juden sind die Intellektuellen par excellence, da sie, als wurzelloses Volk, die heimatliche Erde durch die Idee eines Vaterlandes ersetzen wollen. An dem neuen Wort haftete deshalb auch die Bedeutungsnuance „jüdisch“.
  • Durch ihre Entwurzelung, den fehlenden Kontakt mit den Instinkten, werden die Intellektuellen dekadent, blind für die Notwendigkeiten und nur auf sich selbst bezogen.
  • Schließlich haben die Intellektuellen überhaupt kein Recht, sich in die Belange eines Kriegsgerichts einzumischen: Dazu sind sie inkompetent.

Gegen diesen letzten Vorwurf verteidigten sich die Dreyfusards mit einer Selbstbezeichnung, die gleichzeitig auf den ersten Vorwurf zielte: die „Instinktiven“. Gleichwohl gaben sie auch das zentrale Wort nicht auf. Anatole France definierte Intellektuelle als Menschen, die mittels ihrer Intelligenz in Angelegenheiten der allgemeinen Ordnung und des öffentlichen Interesses das Wahre vom Falschen zu unterscheiden. Obwohl dazu Wissenschaftler auf Grund ihrer Ausbildung besser geeignet seien, beschränkt sich die Definition nicht auf bestimmte Berufsgruppen. Zur Dreyfus-Partei hatte jeder Zutritt, der sich im Namen der Wahrheit um die allgemeine Ordnung kümmerte. Ihre Mitglieder nahmen folgende Konnotationen für die (Selbst-)Bezeichnung „Intellektuelle“ in Anspruch:

  • Intellektuelle sind demokratisch gesinnt. In der Dreyfus-Affäre kämpften sie für das republikanisch-demokratisch Ideal des Rechtsstaates und gegen die autoritäre Konzeption der nationalistischen Revisionsgegner.
  • Neben dem äußeren Orientierungspunkt des rechtsstaatlich-demokratischen Ideals beriefen sich die Intellektuellen immer wieder auf ihr Gewissen, das sie zum Protest geradezu zwinge. Zola bezeichnet in der Sammlung seiner Flugschriften die Intellektuellen einfach als „Menschen von Gewissen“.
  • In der republikanischen Presse wird betont, dass sich viele Unterzeichner des Manifests (Schriftsteller, Maler, Gelehrte und Lehrer) vor der Dreyfus-Affäre der Politik gegenüber gleichgültig verhalten haben. Deshalb wird die Politisierung der Intellektuellen, der Ausbruch aus dem begrenzten Rahmen ihres spezifischer Berufs in den Raum allgemeiner Politik, besonders hervorgehoben.
  • Wissenschaftler und Künstler bestimmten das Bild der Protestierenden nach Bedeutung und Zahl. Wissenschaftliche Betrachtungsweise, die kritische Analyse von Problemen, wurde deshalb zum Wesenszug der Intellektuellen erklärt. Es ging dabei nicht primär um „geistige Berufe“, sondern um die Verpflichtung auf einen bestimmten Geist: den Glauben an die wissenschaftliche Wahrheitsfindung und Kritikmöglichkeit. Damit konnten auch Köche und Mechaniker neben Geistesgrößen der Pariser Hochschulen auf der Liste der „Intellektuellen“ stehen.
  • Obwohl gerade die akademische Jugend nahezu geschlossen auf der Seite der Nationalisten stand, verband sich mit dem Wort „intellectuel“ bald eine besondere Note der Jugendlichkeit.

Neben diesen beiden polemischen Verwendungen gab es noch eine dritte Verwendung, die sich auf die wörtliche, von „l’intellect“ abgeleitete Bedeutung stützte. Edouard Drumont, der Herausgeber der rechten „La Libre Parole“ definierte den Intellektuellen in dieser Version als jemanden, der „eine richtige und tiefe Vorstellung von der Welt [...], eine höhere Auffassung der sozialen Ordnung“ hat. In diesem „wahren Sinn des Wortes“ sei er selbst ein Intellektueller. Auch Barrès verwendet das Wort an einigen Stellen in Bezug auf alle, deren Tätigkeit vom „intellect“ geprägt ist. Auf dieser Wortbedeutung basieren offenbar auch die Beschimpfungen „Halb-Intellektuelle“, „Pseudo-Intellektuelle“ und „Möchtegern-Intellektuelle“. Wenn er die weitere Verwendung kennzeichnen will, benutzt er positivierende Adjektive („die guten/eigentlichen/wahren Intellektuellen“). „Neuer“ und abgeleiteter „wörtlicher“ Wortsinn stehen sich also auf der Seite der nationalistischen Partei gegenüber. Auf der anderen Seite konnte dieser doppelte Ansatz nicht zum Zuge kommen, weil nach ihrer Definition ja jeder, der den „intellect“ zur Maxime seines Handelns machte, auf ihrer Seite stehen musste. Für Intellektuelle, die nicht protestierten, blieb da kein Platz.

Nur ironisch wurde Barrès von republikanischer Seite als „wahrer“ und „einziger“ Intellektueller bezeichnet. Auf verschiedenen Ebenen lagen damit konnotative als auch denotative ideologische Polysemie vor. Auf der Ebene des Schimpfwortes wurden den Intellektuellen im engeren (neuen) Sinn unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben. Die Dreyfusards nahmen die Beschimpfung „Intellektueller“ auf und verwandelten sie in ein Wort des Ruhmes. Auf der Ebene der abgeleiteten „wörtlichen“ Bedeutung wiesen sie den Anspruch ihrer Gegner, selbst Intellektuelle im wörtlichen Sinn zu sein, entschieden zurück. Statt auf Flucht setzten die Republikaner im Wortkampf auf das stolze Selbstbekenntnis als „Intellektuelle“. Diese energische Verteidigung führte zum Sieg der Revisionisten, Dreyfus wurde rehabilitiert. Die entschieden positive Füllung des neuen Begriffs wirkte gemeinsam mit dem Schimpfwort und der „wörtlichen“ Bedeutung fort, so dass sogar die französischen Faschisten 1935 ein „Manifest der französischen Intellektuellen“ veröffentlichten.