1 Einleitung

Die Bezeichnung „Intellektueller“ ist in der politischen Auseinandersetzung seit langem als Schimpfwort gebräuchlich und hat deshalb polemischen und stark emotionsgeladenen Charkter. Oft wurde ihre Abschaffung gefordert, entweder um damit ein durch die nationalsozialistische Verwendung belastetes Wort loszuwerden (Sprachkritik) oder in dem Gefühl, mit dem Verschwinden des Wortes auch den den so bezeichneten politischen Gegner verschwinden zu lassen. Diese Anläufe haben die Gebräuchlichkeit des Wortes aber nicht beeinträchtigt, denn es leistet auch heute noch gute Dienste bei blindwütigen Attacken. Fragt man aber nach einer genauen Definition dieses Begriffs, stößt man auf eine erstaunliche Vagheit, die auch seinen Gebrauch so verwirrend macht. Wissenschaftliche Analyse als Eigenschaft steht neben der Unterscheidung zwischen Wissenschaftlern und Intellektuellen, „Wissen“ und „Vernunft“ als Wesensmerkmale neben der Beschimpfung des „Idiotismus“ der Intellektuellen. Zu den Emotionalisierungen des Wortes durch Gegner und den vergeblichen Definitionsversuchen kommt der Dauerstreit zwischen den Intellektuellen selbst.

Helmut Schelskys „Die Arbeit tun die anderen“ illustriert diese Probleme sehr gut: Zum einen polemisiert er gegen die „Priesterherrschaft“ der „Reflexionselite“ (eben der Intellektuellen), die Produktion der lebenswichtigen Güter anderen überlässt, zum anderen gesteht er ein, dass der Begriff „Intellektuelle“ nicht erkenntnisfördernd sei, sondern „eine die polemisch-politische Auseinandersetzung taktisch ausbeitende oder mindestens aufweichende Begriffsverwendung“. Es gebe aussagekräftigere Termini innerhalb der Soziologie und es lasse sich mit „Intellektuelle“ keine bestimmte soziale Gruppe oder Funktion präzis benennen. Dennoch verzichtet er nicht auf den Begriff, sondern nutzt ihn nicht nur im Titel, um die gemeinte Gruppe emotionell-polemisch zu umgreifen. Auch die engagierten Rezensionen verzichten nicht auf den „unwissenschaftlichen“ Begriff, sondern konzentrieren sich gerade auf ihn. Aber bis auf eine Ausnahme bekennen sich auch die ablehnenden Rezensenten nicht als Intellektuelle. Schelsky selbst wird dagegen wahlweise zu den Intellektuellen oder zu den „Anti-Intellektuellen“ gezählt. Nicht nur die Eigenschaften des Intellektuellen sind also strittig, sondern auch der Kreis der Intellektuellen.

Obwohl theoretisch unterschieden werden müsste zwischen den Emotionen und den Definitionen, liegen diese beiden Problemkreise gerade beim Begriff „Intellektueller“ eng beieinander, denn „ein Typus des Intellektuellen scheint sich überhaupt nur im Medium der Vorwürfe zu konturieren, die gegen ihn erhoben werden“. Das geht so weit, dass die Emotionen zu definitorischen Bestandteilen des Wortes „Intellektueller“ umschlagen. Mit dem Wort sind nämlich standardisierte Beschimpfungen verbunden, die sich als „Kennwörter“ bezeichnen lassen. Sie sind für den Intellektuellen so typisch, d.h. sie schaffen so hartnäckige Assoziationen, dass ihr Gebrauch direkt auf ihn verweist (z.B. „zersetzend“). Darüber hinaus gibt es Eigenschaften, die sich nicht in einem einzelnen Wort konzentrieren, aber dennoch dem Intellektuellen angehängt sind. Alle Konnotationen können „sozial und usuell“ oder „sozial und okkasionell“ sein. In beiden Fällen kann aber die Grenze von assoziierter Eigenschaft einer sonstwie definierten Person zu Teilstück der Definition einer Person überschritten werden. Dabei können verschiedene am Schimpfwort interessierte Gruppen jeweils verschiedene Eigenschaften in „ihre“ Definition aufnehmen (= konnotative ideologische Polysemie) und auch das Wort auf verschiedene Personenkreise anwenden (= denotative ideologische Polysemie). Weil die einzelnen ideologischen Gruppen die Konnotationssysteme konstituieren, gliedern sie auch die Untersuchung der Geschichte des Wortes. Die stürmische Entwicklung innerhalb der Sprachwissenschaft (angeregt durch Noam Chomsky) hat sich vor allem auf die grammatischen Systeme bezogen und die „emotiven“ Bestandteile der Sprache weitgehend außer Acht gelassen. Aber gerade in der politischen Sprache sind diese Bestandteile äußerst wichtig. Bering möchte deshalb auf dem Feld der Konnotationsforschung einen praktischen Beitrag leisten, indem er die Wichtigkeit der Konnotationen an einem konkreten Beispiel zeigt. Dazu genügt ihm ein einfaches theoretisches Werkzeug, nämlich die Nachzeichnung gegnerischer Assoziationssysteme anhand von Zeitungsartikeln und ähnlich verbreiteten Belegen.

Die „Intellektuellen“ eignen sich dafür besonders für eine solche Untersuchung, weil das Wort häufig im Zentrum politischer Auseinandersetzungen stand und weil zudem seine emotiven Bedeutungselemente zu definitorischen Bestandteilen aufrücken können. Hinzu kommt, dass die ideologische Polysemie des Wortes nicht gegen eine präzise Definition gestützt werden kann (wie bei dem ebenfalls ideologisch polysemen Wort „Demokratie“). Der Vagheit sind kaum Grenzen gesetzt, es dominieren die Konnotationen. Im Extremfall ist der „Intellektuelle“ dann bloßes Konstrukt einer Ideologie. Methoden wie das semantische Differential, die den semantischen Inhalt von Wörtern durch sehr allgemeine Assoziationen („klein – groß“) vergleichbar machen, eliminieren dagegen die wortspezifischen Assoziationen („Kapitalist“ – „ausbeuten“), auf die es in der politischen Kampfsprache ankommt. Darüber hinaus sind psycholinguistische Tests, die ja auf dem augenblicklichen Sprachbewusstsein basieren, nicht unbedingt erhellend für die gegensätzlichen Konnotationssysteme in historischen Situationen. Deshalb geht Bering im vorliegenden Buch historisch vor, d.h. er zeichnet die Verwendung des Wortes „Intellektueller“ durch verschiedene ideologische Gruppen nach.