Zwangsapp

Das Verhältnis vieler Menschen zum iPhone entwickelt sich langsam von einer harmlosen Form des Fetischismus zu einer bedenklichen Zwangsvorstellung. Das neueste Symptom dieser Obession ist die Behauptung, kein Unternehmen könne ohne eine iPhone-App überleben

Selbst die ehrwürdige Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland kann sich dieser vermeintlichen Logik nicht entziehen und plant eine App für die Inhalte der Tagesschau. Das wiederum ruft die private Konkurrenz (Marktverzerrung! ), den Kulturstaatsminister (Marktverzerrung!) und den Bund der Steuerzahler (Gebührenverschwendung!) auf den Plan.

Das ganze Geschnatter hat zwar einen wahren Kern – You’ve got to be on the iPhone; same as you’ve got to be on the Web – aber daraus folgt nicht, dass auch jeder Inhalt über eine eigene App abrufbar sein muss. Eine für Mobile Safari optimierte Site, ein eigener Feed und ein Podcast sind erheblich zeitgemäßer, weil sich die Nutzerinnen eben nicht gemütlich mit einer einzigen digitalen Zeitung in die Bibliothek begeben (In den nächsten zwei Stunden bitte keine Besucher, Heinrich.) und sie komplett durchlesen.

Was mich zu meiner ersten Erwähnung des Apple Tablets auf dieser Website bringt. Andy Ihnatko geht nämlich davon aus, dass Apple auch nach der feierlichen Tablet-Enthüllung den iTunes Store nicht um Zeitungen, Bücher und Magazine erweitern wird:

Are you an independent publisher? Or maybe even just an author with a collection of short-stories? Great. Hook up with an iPhone developer and hand over a copy of your book in PDF or HTML format. He or she can quickly stick it in an app wrapper and you can release it as an saleable ebook without going through any publishers or distributors. There’s no vetting process; Apple is happy to just take 30 percent of the purchase price.

Quickly ist eine denkbar euphemistische Umschreibung für more than six months – wenn eine App etwas taugen soll, kann man sie eben nicht mal rasch runterreißen. Craig Hockenberry fasst das Thema perfekt zusammen:

It's like asking bands to release an app for each album. We need MP3 for words.