NetBook Pro

Vor der Vorstellung des iPad dominierten in den IT-Blogs Spekulationen über futuristische Technologien (facial recognition through a built-in camera) und die Rettung der Presse durch digitale Zeitungsabonnements. Die traditionellen Medien konzentrierten sich auf die Vorfreude der sektenhaft anmutende[n] Fangemeinde und die nicht eben neue Information, Apple sei im Vorfeld mal wieder sehr verschwiegen. Nach der Vorstellung herrscht bei den genannten Sektenjüngern entweder Katzenjammer (kein OLED! kein Multitasking!) oder Begeisterung (The moment you experience it in your hands you know this is class. This is a different order of experience.). Die Presse hat immer noch gewisse Probleme, und der Aktienkurs von Apple ist einigermaßen stabil.

Gewissen Neuigkeitswert hat höchstens der erstaunlich niedrige Preis des iPad, mit dem Apple offensichtlich auf möglichst hohe Umsätze bei vergleichsweise niedriger Marge zielt. Bis jetzt hatte Apple immer an einer Hochpreisstrategie festgehalten, die dem Unternehmen im Vergleich zu seiner Größe beeindruckende Gewinne bescherte. Verzichtet man auf obszöne Margen, stellt sich ganz automatisch die Frage,

wie groß die Zielgruppe der Apple-Neuheit ist: Gibt es in Zeiten, in denen potentielle Apple-Kunden oft sowohl ein Smartphone als auch einen Laptop besitzen noch einen Raum für das iPad?

Natürlich bietet das iPad the best way to experience the web, email and photos. Trotzdem rufen in der Öffentlichkeit nicht nur sozial ängstliche Personen E-Mails lieber mit einem iPhone ab. Wer gerade am Mac – oder, horribile dictu, an einem Windows-PC – arbeitet, öffnet Webseiten nicht nebenher auf einem zweiten Gerät, selbst wenn es einen remarkably crisp and vivid Bildschirm hat. Das iPad mag far better at doing some key tasks sein. Aber es kann nicht so viel besser sein, dass man im Alltag ohne Not ständig zwischen mehreren Geräten wechselt. Als zusätzliches Gadget neben iPhone und MacBook Pro wird es also kaum funktionieren. Die Gruppe der Menschen, die ausschließlich ein iPad besitzen wollen, dürfte 2010 auch noch überschaubar sein.

Wenn es für Apple allerdings richtig gut läuft, folgt das iPad nicht dem Vorbild des Newton oder des MacBook Air, sondern dem der Notebooks, indem es seinen Vorgänger nicht ergänzt, sondern ersetzt. 1994 habe ich zum ersten Mal versucht, ein PowerBook 520 als zentrales System (mit externem CD-Laufwerk!) zu verwenden. Nach dieser traumatischen Erfahrung dauerte es zwar neun Jahre, bis mein Power Mac G4 einem PowerBook G4 weichen musste. Aber heute käme ich nicht mehr auf die Idee, einen Desktop-Mac zu kaufen.

Großrechner, Desktop-Systeme und Notebooks haben gegenüber einer jeweils mobileren Variante immer nur so lange eine Chance, wie ihre zusätzlichen Ressourcen benötigt werden oder der Preis der mobileren Variante prohibitiv wirkt. Durch die Cloud haben mobile Geräte darüber hinaus den Vorteil, dass die Speicherung von Daten nicht unbedingt auf dem verwendeten Gerät erfolgen muss (vorausgesetzt, man ist ein wenig risikofreudig).

Die Eingangsfrage lässt sich also auch anders formulieren: Was muss das iPad können, um mein MacBook Pro zu ersetzen? An der mangelnden Softw... pardon: Apps-Auswahl wird das iPad bestimmt nicht scheitern. Stattdessen kommt es darauf an, wie weit Apple sein geschlossenes iPod/iPhone/iTunes-System öffnet, um einen freien Datenaustausch zwischen Applikationen und Geräten zu ermöglichen. Erste Meldungen berichten von einer gewissen Lockerung des eisernen Griffs, die allerdings nicht identisch ist mit dem unbeschränkten Zugriff auf alle gespeicherten Daten:

If there’s anything about the iPad design that concerns me, it’s the lack of an open file system, which the iPad inherited from the iPhone. [...] On the iPhone, [...] I can create a new document in a word processor, but the Mail app can’t see into the word processor’s data area so I can’t do anything with it. [...] If, once I’ve had the iPad for a month, I find myself fleeing the office with the car keys, the iPad ... and my netbook just in case, then Apple will have failed.

Natürlich werden Andy Ihnatko und ich trotzdem ein iPad kaufen, aber von gadgetsüchtigen Geeks kann ja niemand leben.