Regeln für Rechner-Glückseligkeit
Der etwas eigenwillige Seitentitel ist eine wörtliche Übersetzung der Rules for Computing Happiness von Alex Payne. Mr. Payne ist ein Purist und ein Perfektionist, was mir sehr sympathisch ist, und zu vielen seiner Regeln kann ich nur beifällig nicken.
- Use as little software as possible.
- Use software that does one thing well.
- Do not use software that does many things poorly.
Die entscheidende Frage ist, wie umfassend ein Zweck definiert werden sollte. Gilt ein Browser schon als Schweizer Messer, das man besser durch eine Kiste spezieller Werkzeuge ersetzen sollte? Oder ist die Verwendung eines separaten Newsreaders statt der RSS-Funktionen im Mail-Client oder im Browser schon eine zu starke Zerfaserung des eigenen Inventars?
In jedem Fall hält Mr. Payne wenig von Yojimbo, das er als Everything Bucket
schmäht. Ich halte es mehr mit Shawn Blanc:
[Yojimbo] is not the same as your tried and true System for saving and finding things. The System is for everything. Your Anything Bucket, however, is for everything else. And you need both.
Exakt. Ich benutze Yojimbo für genau diejenigen Daten, die ich weder mit dem Finder (in Ermangelung einer wirklich guten Tagging-Oberfläche) noch mit einer der spezielleren Anwendungen (Adressbuch, iCal, Things, Keychain etc.) gut verwalten kann. Aber lassen wir Mr. Payne doch wieder zu Wort kommen.
- Do not use software that must sync over the internet to function.
Dieser Regel folge ich weitgehend (mit Ausnahme des eben erwähnten Newsreaders). In 10 oder 20 Jahren wird sie allerdings seltsam altertümlich erscheinen.
- Do not use web applications that should be desktop applications.
- Do not use desktop applications that should be web applications.
- Do not use software that isn’t made specifically for your operating system. (You’ll know it when you see it because it won’t look right or work correctly.)
Sehr richtig. Diese Regeln sind wahrscheinlich typisch für Mac-User, die sehr viel und immer dasselbe von der Oberfläche ihrer Programme erwarten.
- Do not run beta software unless you know how to submit a bug report and are eager to do so.
Ahem. In diesem Punkt bin ich nicht ganz so streng, zumal Google mit seinen jahrelangen Beta-Phasen für stabile und zuverlässige Anwendungen die Bedeutung des Zusatzes ziemlich aufgeweicht hat.
- Use a plain text editor that you know well. Not a word processor, a plain text editor.
- Do not use your text editor for tasks other than editing text.
Der ersten Regel folge ich, bei der zweiten wüsste ich nicht, wie ich sie brechen sollte.
- Use a password manager. You shouldn’t know any of your passwords save the one to your primary email account and the one to your password manager.
Was ist falsch an Apples Keychain? Es ist unter einer Open Source-Lizenz verfügbar, die meisten Mac-Applikationen nutzen die API, und für Firefox gibt es ein passendes Add-On.
- Do not use software that’s unmaintained.
- Pay for software that’s worth paying for, but only after evaluating it for no less than two weeks.
- Thoroughly delete all traces of software that you no longer use.
So sollte man es tun.
- Do not buy a desktop computer unless your daily computing needs include video/audio editing, 3D rendering, or some other hugely processor-intensive computing task. Buy a portable computer instead.
- Do not use your phone/smartphone/PDA/UMPC for tasks that would be more comfortably and effectively accomplished on a full-fledged computer.
Sehr richtig. Jason Kottke weist in einem hymnischen Artikel über das iPhone übrigens darauf hin, dass es eine ganze Reihe anderer Geräte überflüssig macht (wenn auch kein voll ausgestattetes Notebook). Insofern erfüllt es auf der Hardware-Seite die drei problematischen Forderungen an die ideale Software-Austattung: Es tut viele Dinge so gut, dass man mit wenig Hardware auskommt.
- Use a Mac for personal computing.
- Use Linux or BSD on commodity hardware for server computing.
- Do not use anything other than a Mac at home and Linux/BSD on the server.
Preaching to the converted: In meiner (privaten und professionellen) Umgebung vermehren sich MacBooks und Linux-Server wie Keime in einem Whirlpool.
- The only peripheral you absolutely need is a hard disk or network drive to put backups on.
- Buy as large an external display as you can afford if you’ll be working on the computer for more than three hours at a time.
Eine externe Festplatte? Ganz ehrlich, Mr. Payne: Man braucht doch wohl mindestens zwei RAID 1-Platten, um nachts nicht regelmäßig schweißgebadet aufzuwachen. Dafür verzichte ich gern auf einen 30"-Monitor.
- Use hosted services in lieu of hosting on your own hardware (or virtual hardware) for all but the most custom applications.
Dieser Regel bin ich viele Jahre aus einer gewissen Scheu vor der Verantwortung für einen eigenen Server gefolgt. Andererseits habe ich auch eine Grundregel: DYI. Zwar gehe ich nicht so weit, dass ich meinen Server selbst kühlen und entstauben möchte, aber meine Webseiten laufen immerhin auf einem eigenen virtuellen Server.
- Keep as much as possible in plain text. Not Word or Pages documents, plain text.
- For tasks that plain text doesn’t fit, store documents in an open standard file format if possible.
Hier kollidieren Mr. Paynes Glaubenssätze wieder mit meiner bevorzugten Datenkiste. Yojimbo speichert Informationen in einer SQLite-Datenbank, aus der aber immerhin problemlos RTF- und PDF-Dateien extrahiert werden können (so dass ich die zweite Regel beherzigen kann). Wenn es eine wirklich überzeugende Tagging-Oberfläche für Dateien unter Mac OS X gäbe und die dafür erforderlichen Metadaten auf beliebige andere Dateisysteme übertragen werden könnten, würde ich mit Vergnügen auf reine Textdateien umsteigen.
Außerhalb von Yojimbo speichere ich die meisten Daten allerdings tatsächlich in Textdateien mit etwas Markup (LaTeX oder HTML), Texte mit aufwendigerem Drucklayout als PDF und Bilddateien als DNG.
- Do not buy digital media crippled by rights restriction technologies unless your intention is to rent the content for a limited period of time.
Das habe ich nur in der Anfangszeit des iTunes Music Store aus Neugier getan. Ich war sehr dankbar, dass Apple mein Verhalten nachträglich gerechtfertigt hat und mir – gegen eine geringe Gebühr – DRM-freie Versionen der bereits gekauften Musik überlassen hat.
These are my rules and they make me happy. I hope they make you happy too. If you have computing rules of your own that make you happy, I encourage you to publish them.
Was hiermit geschehen ist.