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Grahams Beruhigungsmittel

Tim Urban erläutert in einfachen, verständlichen Schritten die Dimension von Graham's Number und kommt zu dem Schluss:

Writing this post made me much less likely to pick infinity as my answer to this week’s dinner table question. Imagine living a Graham’s number amount of years.8 Even if hypothetically, conditions stayed the same in the universe, in the solar system, and on Earth forever, there is no way the human brain is built to withstand spans of time like that. I’m horrified thinking about it. I think it would be the gravest of grave errors to punch infinity into the calculator—and this is from someone who’s openly terrified of death. Weirdly, thinking about Graham’s number has actually made me feel a little bit calmer about death, because it’s a reminder that I don’t actually want to live forever—I do want to die at some point, because remaining conscious for eternity is even scarier. Yes, death comes way, way too quickly, but the thought I do want to die at some point” is a very novel concept to me and actually makes me more relaxed than usual about our mortality.

Diese Überlegung versöhnt mich auch mit der Gewissheit, dass die Menschheit langfristig dem Untergang geweiht ist. Populäre Fluchtphantasien beziehen sich nicht ohne Grund auf die nähere Zukunft: Some day, there'll be no place left to run to.

Pferde und Faxe

Simon Dudley führt Solow's Paradox auf die Trägheit der Menschen zurück:

With the every-quickening rate of change offered by the Internet, it is sensible to assume that 15 years from now we may see some more profound changes, on the order of those enjoyed across society in past periods of innovation. That is, of course, if we take advantage of the new technological changes available to us. Right now, we are not. People are afraid of rapid change, and when technological change happens faster than the investment cycle for a technology, major problems can happen. People will dig in their heels as a reaction to the newness of innovation. They will stick to old familiar processes, even when the new ones are faster, easier and more efficient. That’s the equivalent of driving a horse-drawn carriage on the freeway.

Das klingt milde optimistisch, denn tatsächlich hat die Zahl der Pferdekutschen in den letzten Jahren spürbar abgenommen. Andererseits betrachtete die Bundesnetzagentur vor wenigen Wochen noch die Bekämpfung von Fax-Spam als pressemitteilungswürdiges Thema.

Verschwenderisch

Weil Apps unter iOS nicht ohne Weiteres kopierbar sind, wird eine gewinnorientierte Software-Entwicklung von vielen Nutzerinnen (cheapskate morons) nicht gern gesehen. Zwei Erklärungen verweisen darauf, dass Apples App Store eine derart kindische Erwartungshaltung provoziert, was ich aber nur für ungeschickt erzogene Jugendliche gelten lasse. Vernünftige Menschen sollten sich an John Moltz orientieren:

New game from Neven Mrgan and Matt Comi. Looks like a lot of fun.

It was released last night so along with the new levels for Monument Valley I spent six dollars on games yesterday. How ever can I afford this lavish lifestyle, you ask? I’m a freelance writer, baby.

Interoperabel

Europäische Netzbetreiber wollen erzwingen, dass Online-Plattformen ähnlich funktionieren wie die eigenen Netze:

Die neue Regulierung würde den Internetkonzernen verbieten, geschlossene Kommunikationssysteme zu betreiben. Sie müssten ihre Systeme so öffnen, wie Netzbetreiber sich mit Roaming für Sprachtelefonie oder SMS verbinden.

Es wäre wirklich großartig, wenn ich einen Tweet (Standardpreis: 9 Cent) für nur 10 Cent Aufpreis direkt auf die Facebook-Seite einer Freundin senden könnte, oder eine De-Mail (39 Cent) für günstige 1,49 Euro zusätzlich als De-Fax an mein Finanzamt weiterleiten könnte (man weiß ja nie!).

Neupartei

Abgesehen von der vielbehämten Netzferne der deutschen Bundeskanzlerin sind ihre Äußerungen zum Thema Vernetzung bemerkenswert:

Wir müssen bereit sein zu akzeptieren, dass es nicht darum geht, den Persönlichkeitsschutz jedes Einzelnen infrage zu stellen, dass aber neue Sichtweisen und neue Strukturen nur durch die Vernetzung von vielen Daten in Zukunft möglich sein werden.

Sprachlich nicht ganz leicht zu parsen – soll die geschachtelte Konstruktion im Hauptsatz leises Bedauern ausdrücken? Oder steht sie für einen offensiven Umgang mit der eigenen FDJ-Mitgliedschaft (Immer bereit)? Muss die Verneinung zielgerichteten Handelns als Schutzbehauptung für die Geheimdienste oder als Bankrotterklärung der Bundesregierung verstanden werden? Merkel-Exegetinnen werden an diesem Satz noch viel Freude haben. Politisch möchte die CDU-Vorsitzende wahrscheinlich ausdrücken, dass schon die abstrakte Idee des Neuen die Verdrängung alter Ideen erzwingt, ohne dass eine konservative Partei in einem mitteleuropäischen Land etwas dagegen tun kann. Kein Wunder, dass Herr Dr. Kohl nicht gut auf Frau Dr. Merkel zu sprechen ist.

Ballmer 2.0

Apple ist nicht das einzige vor 1990 gegründete Unternehmen, das mit Cloud-Diensten fremdelt. Die vernünftigste Reaktion auf eine solche Schwachstelle besteht natürlich darin, sie zum Kerngeschäft zu erklären.

Irrelevant Resource Locator

Eigentlich spielt es schon keine Rolle mehr, wann Google die kombinierte Such- und Adresszeile des unternehmenseigenen Browsers in ein reines Suchfeld umwandelt: Im Bewusstsein der Menschen verschwindet die URL ohnehin. Meine Domain hat also nur noch den Zweck, den page rank meine Website für meinen eigenen Namen zu erhöhen. Spätestens ab 2040 wird der Algorithmus Domain-Namen dann vollständig ignorieren, wenn er sich überhaupt dazu herablässt, menschengemachte Inhalte zu indizieren.

Rete Nostra

In den meisten Ländern der Welt haben Internetnutzerinnen die Wahl zwischen unprofessionell konfigurierten WLAN-Netzwerken, in denen sie gehackt werden, und professionell gewarteten Mobilfunknetzen, in denen sie ebenfalls (wahlweise per deep packet inspection oder HTTP header injection) gehackt werden.

Die italienische Regierung unter Matteo Renzi will nun beide Varianten kombinieren und offene WLANs anbieten. Im Hinblick auf die Effizienzlücke zwischen den staatlichen Strukturen Italiens und gewissen gewinnorientierten Organisationen könnte man die Administration dieser Netze delegieren und über eine italienische Variante der ungarischen Internetsteuer finanzieren. Angenehmer Nebeneffekt: Die ehrenwerte Gesellschaft reagiert ausgesprochen empfindlich auf trittbrettfahrende Hacker, so dass unvorhergesehene finanzielle Schäden relativ unwahrscheinlich sind.

Rauschhaft

Zum ersten Mal in der Geschichte des US-Bundesstaates Colorado sind dort Genussmittel legal erhältlich, die Kinder besser nicht zu sich nehmen sollten. Was natürlich völlig unnötig wäre, denn die Bürgerinnen von Colorado können auch ohne Cannabis wahnhafte Zwangsvorstellungen entwickeln (We do believe that marijuana in candy appeals to kids.).

Tiefer Fall

Ein Fallschirmsprung aus der Stratosphäre ist auch dann kein rationaler Akt, wenn er nicht von einem Getränkehersteller finanziert wird. Leider ist damit zu rechnen, dass Männer immer wieder Ressourcen für solchen Unfug akkumulieren können.

Zweitverwertung

Mit einer freiwilligen Information des FBI ist es nicht getan, auch deutsche Sicherheitsbehörden beschweren sich über den zunehmenden PIN- und Passwort-Fimmel der zu überwachenden Bevölkerung. Vielleicht könnten sie die guten Beziehungen des BND nutzen, um etwas ältere, schlecht gefilterte, aber noch sehr gut analysierbare Daten von einem Partnerdienst zu übernehmen.

Erfolgreich ungeschickt

Nachdem die Zwangsabgabe für Google kläglich gescheitert ist, erschweren die deutschen Zeitungsverlage nun die Zustellung ihrer grundgesetzlich geschützten Druckerzeugnisse.

Eine beeindruckende Kombination von erfolgreicher Lobbyarbeit und ungeschickter Zielsetzung.

Mission: Praktikabel

Der hochverehrte Adi Schamir hält die vielen publikumswirksamen mathematischen Krypto-Angriffe für unpraktikabel. Das hindert ihn aber nicht an der Vorstellung eines Seitenkanalangriffs, der auf einem infizierten air-gapped system, einem in einer bestimmten Position aufgestellten Scanner und einer laserbewehrten Drohne basiert und aus dem Mr. Schamir eine eindringliche Warnung vor lokal angeschlossenen Scannern ableitet.

Loyal

Dass ich BBEdit seit längerer Zeit kaum noch nutze und mich entsprechend auch nicht aktiv an den Beta-Tests beteilige, ficht Bare Bones Software nicht an: Auch für BBEdit 11 werde ich als unindicted co-conspirator (neben absent friends und engineers emeritus) aufgeführt und erhalte eine kostenlose Lizenz.

Vor dem Hintergrund dieser Loyalität wirkt der Auszug aus dem Mac App Store noch etwas dramatischer. Mein schlechtes Gewissen wiederum wird durch Patricks Hinweis nicht wirklich beruhigt:

And if you're confused because you didn't actually participate in the BBEdit beta program, don't worry -- you're probably getting this because someone who likes you wants you to have a free BBEdit license. :-)

Bipolar

Man muss die Lobeshymnen der nordkoreanischen Medien auf die Leistungen des obersten Führers der Demokratischen Volksrepublik Korea sicher kritisch sehen, aber Kim Jong-Un schenkt der Welt tatsächlich wunderschöne Schlagzeilen:

Überfressen oder unter Hausarrest

Wer sonst kann von sich sagen, dass sein Leben dermaßen kühn zwischen tristem Alltag und Staatsintrigen mäandert?

Netzwerkspeicheralleinstellungsmerkmal

Dropbox hat gegenüber anderen Cloud-Diensten den Vorteil, dass es Offline-Situationen nicht für eine fixe Idee älterer Herrschaften hält. Stattdessen werden lokale Ordner auf unterschiedlichen Geräten so elegant synchronisiert, dass ich in vielen Jahren erst viermal konfligierende Kopien einer Datei erzeugt habe. Das Prinzip stößt erst an seine Grenzen, wenn man in der Dropbox mehr Daten ablegen möchte als die angeschlossenen Geräte speichern können (a.k.a. Dropbox Terabyte Conundrum).

Entsprechend verließen sich auch viele iOS-Entwicklerinnen bisher auf die Dropbox-API, um ihre App-Daten zu synchronisieren. Unter iOS 8 kann man allerdings storage providers registrieren, so dass jeder Dienst mit nativer iOS-App und einer geeigneten Extension als Dropbox-Alternative fungieren kann. Transmit bietet zwar eine passende Extension, unterstützt aber nur eine serverzentrierte Dateiablage.

Eine echte Alternative wäre Strongsync, wenn man auf die enorme Zuverlässigkeit, die integrierte Versionsverwaltung und die Sharing-Funktionen der Dropbox verzichten kann und Mr. Mancuso endlich Strongsync für iOS entwickelt.

Sicherheitsmuschel

Obwohl Dropbox, One Drive, Google Drive und iCloud alle Speicher- und Synchronisationsbedürfnisse abdecken sollten und ich ein tiefes Misstrauen gegen die Sirenengesänge des cloud computing pflege, bin ich praktisch wehrlos gegen den Zauberklang von SSH und SFTP. Dieser kleinen Schwäche kann ich mittlerweile nicht nur auf dem Mac, sondern auch unter iOS nachgeben: Die SSH- und SFTP-Clients von Panic sind sehr schick, und natürlich gibt es keine eklatanten Sicherheitslücken in der verwendeten SSH-Implementierung oder in Panic Sync.