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Digitales Lesen Q1/2015

Vor einigen Monaten war mir nach einer neuen Lesestrategie. Also habe ich meinen (zweitbesten) RSS-Feedreader massiv entschlackt und die nativen Apps von Süddeutscher Zeitung, Die Zeit, The Magazine und The Atlantic auf dem iPad installiert, während in meiner Timeline die Diskussion um das Für und Wider von Redaktionen tobte und Glen Fleishman das Ende von The Magazine ankündigte (was aber nichts heißen muss). Der erste Eindruck: Die deutschen Journalismus-Apps sind weiterhin vor allem lahm. US-amerikanische Apps haben einen kleinen technischen Vorsprung, den sie aber zur Implementierung absurder Einschränkungen nutzen.

Trotzdem fiebere ich dem iPad Mini 3 entgegen, um stundenlang einhändig lesen zu können. Vergeblich. Apple macht das kleine iPad konsequent zum second class citizen (auch im Vergleich zu seinem größeren Verwandten).

Glücklicherweise hat Felix Neumann mich kurz zuvor darauf aufmerksam gemacht, dass der Kobo Aura HD mit aktueller Firmware etwas weniger hermetisch agiert als bisher. Ich müsste also nur von Instapaper auf Pocket umsteigen, um via Feedreader oder Stadtbibliothek meinen Kobo zu befüllen.

Verhindert wird der Umstieg nicht durch meine Loyalität zu Instapaper, sondern durch die Ankündigung des Kindle Voyage. Das Amazon-Produkt verfügt über ein hochauflösendes Carta-Display, die schmerzlich vermissten Drucksensoren mit haptischem Feedback und verbindet sich mit 802.1X-Netzwerken. Außerdem habe ich mich über die unpräzise Touch-Steuerung des Kobo schon länger geärgert. Neben begeisterten und ausgewogenen Reviews des neuen Kindle gibt es harsche Kritik für die wenig gelungene Typographie samt Zwangsblocksatz.

Ich nehme das in Kauf, obwohl sich diese Schwäche auch auf die Instapaper-Integration (per E-Mail-Interface) auswirkt: Seitenränder und Zeilenabstand der über Instapaper gelieferten Artikel sind viel zu knapp, und lassen sich nur durch mühsame Neuformatierung mit Calibre korrigieren. Die einzige gut lesbare Publikation auf dem Kindle bleibt Die Zeit.

Alles auf Anfang. Und vielleicht lasse ich mir die Artikel aus Instapaper in Zukunft einfach auf dem iPhone vorlesen (ab v6.0.1).

Leihweise

Streaming-Angebote werden – außerhalb des deutschen Buchhandels und des kleinen Zirkels potentieller Pono-Käuferinnen – gern als fair und kundenfreundlich beworben. Hinzu kommt, dass Menschen in der größten Volkswirtschaft der Welt offenbar immer widerwilliger Besitzrechte erwerben (vermutlich in Erwartung des Jüngsten Gerichts). Ich halte es eher mit Jason Snell:

I have come to accept that, for a great many people, renting is better than owning. Yet the idea of paying a monthly fee for access to a library of stuff has always made me uncomfortable.

Planet of the Dogs

Sony und Neil Young verkaufen seit kurzem schnittfestes Schlangenöl für intelligente Wesen mit hundeähnlichem Hörvermögen. Hinter den Produkten steht sicher eine solide Marktanalyse, aber bisher wusste ich nicht, dass es schon so viele Mutantinnen gibt. I, for one, welcome our new canine overlords.

Geschäftsuntüchtig

Felix Schwenzel hadert mit Entertainment-Systemen:

keine ahnung ob das auch ein ansatz für autos ist, aber, auch wenn ich nicht weiter drüber nachgedacht habe, mir kommt es wie eine gar nicht so doofe idee vor, die auto-info- und entertainment-systeme auf ein minimum zu reduzieren und dafür eine (genormte) und mächtige API zu den auto-funktionen anzubieten. in die API kann sich dann ein smartfone oder tablet einklinkten und die funktionen des autos ansteuern. sobald es bessere, leistungsfähigere, benutzerfreundlichere bedienkonzepte gibt die neue hardware oder software benötigen, tauscht man das smartfone oder pad aus. mit anderen worten: statt entertainmentsysteme, eigener steuersoftware und selbst gewurstelten bedienkonzepten, sollten autohersteller solide handy- oder tablet-halterungen in ihren autos anbieten — und eine mächtige, gut, mit standardtechnologie gesicherte API anbieten.

Auf so eine absurde Idee kann auch nur ein Kunde kommen. Oder ein Technologieunternehmen.

Kompromissbereit

Der transatlantische Graben im Bereich Verbraucherschutz und Meinungsfreiheit ist momentan recht breit: US-Medien sind angesichts der Beschränkungen für Google und Blogs ähnlich entgeistert wie europäische Bürgerinnen über den großen Spielraum für US-Unternehmen. Unter diesen Bedingungen ist es erstaunlich, dass die TTIP-Verhandlungen so weit gediehen sind.

Eventuell wirkt ja die gemeinsame Haltung zu Karenzzeiten nach dem Rücktritt von hohen Ämtern als Grundlage eines kompromissfördernden Klassenbewusstseins.

Zumutbar

Ungeachtet der undurchsichtigen Nachfolgepolitik Horst Seehofers ist die CSU im Bereich Mentoring gut aufgestellt. Junge Radikale werden zum Beispiel von ehemaligen Ministerinnen individuell betreut und auf ihre Zumutbarkeit für das Wahlvolk geprüft:

Wir haben uns zusammengesetzt und miteinander nach Positionen gesucht, die man auch anderen zumuten kann.

Grahams Beruhigungsmittel

Tim Urban erläutert in einfachen, verständlichen Schritten die Dimension von Graham's Number und kommt zu dem Schluss:

Writing this post made me much less likely to pick infinity as my answer to this week’s dinner table question. Imagine living a Graham’s number amount of years.8 Even if hypothetically, conditions stayed the same in the universe, in the solar system, and on Earth forever, there is no way the human brain is built to withstand spans of time like that. I’m horrified thinking about it. I think it would be the gravest of grave errors to punch infinity into the calculator—and this is from someone who’s openly terrified of death. Weirdly, thinking about Graham’s number has actually made me feel a little bit calmer about death, because it’s a reminder that I don’t actually want to live forever—I do want to die at some point, because remaining conscious for eternity is even scarier. Yes, death comes way, way too quickly, but the thought I do want to die at some point” is a very novel concept to me and actually makes me more relaxed than usual about our mortality.

Diese Überlegung versöhnt mich auch mit der Gewissheit, dass die Menschheit langfristig dem Untergang geweiht ist. Populäre Fluchtphantasien beziehen sich nicht ohne Grund auf die nähere Zukunft: Some day, there'll be no place left to run to.

Wissensverlust

Alexander Matzkeit erläutert im Techniktagebuch, dass er noch nie mit sed gearbeitet hat:

Mit einigen Suchen/Ersetzen-Durchläufen gelingt es mir, die weitestgehend identischen Zeichenfolgen, aus denen die Zeilen bestehen, zu tilgen, aber da die E-Mails über einen längeren Zeitraum verschickt wurden, bleiben die Zeitstempel bestehen. Ich sitze schließlich vor einer Datei, in der abwechselnd eine der toten Adressen und eine Zeit steht.

Ich google nach einer Möglichkeit, aus einer TXT-Datei jede zweite Zeile zu löschen. Einige Menschen haben kleine Skripte und Programme geschrieben, die genau das machen. Allerdings muss ich, um sie zu nutzen, etwas tun, was ich schon sehr lange nicht mehr getan habe - die Eingabeaufforderung starten. Ich tippe CMD in die Befehlszeile des Windows 7-Menüs und habe plötzlich ein altvertrautes schwarzes Fenster mit einem blinkenden Cursor vor mir, zum ersten Mal seit Jahren.

Kartensicherheit

Frank Lachmann macht sich Sorgen, weil er beim Einkauf seine EC-Karte von einem iPhone scannen lässt und anschließend seine Unterschrift auf demselben iPhone hinterlässt. Wahrscheinlich prüft er auch reguläre Kartenlesegeräte auf Beschädigungen des Gehäuses, Kratzspuren, geschmolzenes Plastik, fehlende Bauteile oder farbliche Abweichungen zwischen Ober- und Unterschale und gleicht die stets mitgeführte Muster der Herstellersicherheitssiegel mit dem am Gerät angebrachten Siegel ab.

Pferde und Faxe

Simon Dudley führt Solow's Paradox auf die Trägheit der Menschen zurück:

With the every-quickening rate of change offered by the Internet, it is sensible to assume that 15 years from now we may see some more profound changes, on the order of those enjoyed across society in past periods of innovation. That is, of course, if we take advantage of the new technological changes available to us. Right now, we are not. People are afraid of rapid change, and when technological change happens faster than the investment cycle for a technology, major problems can happen. People will dig in their heels as a reaction to the newness of innovation. They will stick to old familiar processes, even when the new ones are faster, easier and more efficient. That’s the equivalent of driving a horse-drawn carriage on the freeway.

Das klingt milde optimistisch, denn tatsächlich hat die Zahl der Pferdekutschen in den letzten Jahren spürbar abgenommen. Andererseits betrachtete die Bundesnetzagentur vor wenigen Wochen noch die Bekämpfung von Fax-Spam als pressemitteilungswürdiges Thema.

Verschwenderisch

Weil Apps unter iOS nicht ohne Weiteres kopierbar sind, wird eine gewinnorientierte Software-Entwicklung von vielen Nutzerinnen (cheapskate morons) nicht gern gesehen. Zwei Erklärungen verweisen darauf, dass Apples App Store eine derart kindische Erwartungshaltung provoziert, was ich aber nur für ungeschickt erzogene Jugendliche gelten lasse. Vernünftige Menschen sollten sich an John Moltz orientieren:

New game from Neven Mrgan and Matt Comi. Looks like a lot of fun.

It was released last night so along with the new levels for Monument Valley I spent six dollars on games yesterday. How ever can I afford this lavish lifestyle, you ask? I’m a freelance writer, baby.

Digitaler Journalismus

Der maschinengetriebene Journalismus steht nicht kurz vor dem Durchbruch, sondern wird auch in deutschen Wirtschaftsredaktionen bereits praktiziert:

Wikifolio ist ein Tummelplatz für Menschen, die sich die Aktienanlage zutrauen, aber keine Zeit haben, sich selbst darum zu kümmern. So wie beim Kurznachrichtendienst Twitter vom Wissen anderer Nutzer wollen sie auf den Social-Trading-Plattformen von den Ideen anderer Investoren profitieren. Und Geld verdienen, indem sie das Kauf- und Verkaufsverhalten der erfolgreichsten Investoren nachahmen.

$well_known_reference_platform = random.choice(['Twitter', 'Wikipedia', 'Facebook']) funktioniert halt nicht immer.

Interoperabel

Europäische Netzbetreiber wollen erzwingen, dass Online-Plattformen ähnlich funktionieren wie die eigenen Netze:

Die neue Regulierung würde den Internetkonzernen verbieten, geschlossene Kommunikationssysteme zu betreiben. Sie müssten ihre Systeme so öffnen, wie Netzbetreiber sich mit Roaming für Sprachtelefonie oder SMS verbinden.

Es wäre wirklich großartig, wenn ich einen Tweet (Standardpreis: 9 Cent) für nur 10 Cent Aufpreis direkt auf die Facebook-Seite einer Freundin senden könnte, oder eine De-Mail (39 Cent) für günstige 1,49 Euro zusätzlich als De-Fax an mein Finanzamt weiterleiten könnte (man weiß ja nie!).

Indirekt

Fairerweise sollte man mal festhalten, dass sich nicht nur die deutschen Verlage zum Affen machen, sondern auch ihre Angestellten. Eine glasklare Marketing-Äußerung von C3PO –

No movie sequel is better than The Empire Strikes Back. You might eat those words for Xmas dinner in 2015. Joy & Indigestion to the world!

– verkürzt die SZ-Redaktion auf eine überraschende Distanzierung:

Fans hoffen, dass die neue Episode die beste aller sieben sein wird - Anthony Daniels jedoch nicht. Der britische Schauspieler, der in sechs Star-Wars-Filmen den Roboter C-3PO spielte, ist anderer Ansicht. Oder will er einfach nur zu frühen Lobeshymnen auf Die Macht erwacht vorbeugen? Es gibt keine bessere Film-Fortsetzung als The Empires Strikes Back, twitterte er vor wenigen Tagen.

Wahrscheinlich wurde die Unterrichtseinheit Indirekte Rede in der Journalistenausbildung eingespart. Oder die Münchner Journalistinnen haben schon jede Hoffnung auf ein vertrauensvolles Publikum begraben und möchten im Zweifelsfall lieber verspottet als beargwöhnt werden.

Neupartei

Abgesehen von der vielbehämten Netzferne der deutschen Bundeskanzlerin sind ihre Äußerungen zum Thema Vernetzung bemerkenswert:

Wir müssen bereit sein zu akzeptieren, dass es nicht darum geht, den Persönlichkeitsschutz jedes Einzelnen infrage zu stellen, dass aber neue Sichtweisen und neue Strukturen nur durch die Vernetzung von vielen Daten in Zukunft möglich sein werden.

Sprachlich nicht ganz leicht zu parsen – soll die geschachtelte Konstruktion im Hauptsatz leises Bedauern ausdrücken? Oder steht sie für einen offensiven Umgang mit der eigenen FDJ-Mitgliedschaft (Immer bereit)? Muss die Verneinung zielgerichteten Handelns als Schutzbehauptung für die Geheimdienste oder als Bankrotterklärung der Bundesregierung verstanden werden? Merkel-Exegetinnen werden an diesem Satz noch viel Freude haben. Politisch möchte die CDU-Vorsitzende wahrscheinlich ausdrücken, dass schon die abstrakte Idee des Neuen die Verdrängung alter Ideen erzwingt, ohne dass eine konservative Partei in einem mitteleuropäischen Land etwas dagegen tun kann. Kein Wunder, dass Herr Dr. Kohl nicht gut auf Frau Dr. Merkel zu sprechen ist.

Ballmer 2.0

Apple ist nicht das einzige vor 1990 gegründete Unternehmen, das mit Cloud-Diensten fremdelt. Die vernünftigste Reaktion auf eine solche Schwachstelle besteht natürlich darin, sie zum Kerngeschäft zu erklären.

Irrelevant Resource Locator

Eigentlich spielt es schon keine Rolle mehr, wann Google die kombinierte Such- und Adresszeile des unternehmenseigenen Browsers in ein reines Suchfeld umwandelt: Im Bewusstsein der Menschen verschwindet die URL ohnehin. Meine Domain hat also nur noch den Zweck, den page rank meine Website für meinen eigenen Namen zu erhöhen. Spätestens ab 2040 wird der Algorithmus Domain-Namen dann vollständig ignorieren, wenn er sich überhaupt dazu herablässt, menschengemachte Inhalte zu indizieren.

Rete Nostra

In den meisten Ländern der Welt haben Internetnutzerinnen die Wahl zwischen unprofessionell konfigurierten WLAN-Netzwerken, in denen sie gehackt werden, und professionell gewarteten Mobilfunknetzen, in denen sie ebenfalls (wahlweise per deep packet inspection oder HTTP header injection) gehackt werden.

Die italienische Regierung unter Matteo Renzi will nun beide Varianten kombinieren und offene WLANs anbieten. Im Hinblick auf die Effizienzlücke zwischen den staatlichen Strukturen Italiens und gewissen gewinnorientierten Organisationen könnte man die Administration dieser Netze delegieren und über eine italienische Variante der ungarischen Internetsteuer finanzieren. Angenehmer Nebeneffekt: Die ehrenwerte Gesellschaft reagiert ausgesprochen empfindlich auf trittbrettfahrende Hacker, so dass unvorhergesehene finanzielle Schäden relativ unwahrscheinlich sind.