11 Die Außenpolitik des Augustus

Die Außenpolitik unter Augustus wird in der Forschung nicht einheitlich bewertet. Der ältere Ansatz geht von einer grundsätzlich defensiven Außenpolitik aus, die lediglich Gebietsabrundungen und Grenzsicherung verfolgte. Dagegen steht die Auffassung (auch von Leopold von Ranke vertreten), daß Augustus eine expansive Politik betrieben habe. Argumente für diesen zweiten Ansatz gibt es genug: während der Regierungszeit Augustus’ wurden riesige Gebietsgewinne gemacht. Die Soldaten, die nach den Bürgerkriegen unter Augustus’ Befehl standen mußten beschäftigt werden, und nicht zuletzt hatte Augustus auch ein Interesse daran, seinen Ruhm als Feldherr seiner allmächtigen Stellung im Staat anzupassen. Das Ergebnis ist, anders als die Tendenz, unumstritten: das römische Reich erreichte eine neue Kohärenz und Geschlossenheit und das römische Imperium erhielt seine endgültige Form.

Augustus selbst überschrieb seine Res Gestae mit „Von den Taten des vergöttlichten Augustus, mit denen er den gesamten Erdkreis der Herrschaft des römischen Volkes unterwarf“. Er habe (Kap. 26/27) die Grenzen vorverschoben, die Provinzen befriedet, die Grenzen gesichert und die römische Flotte in noch nie zuvor befahrenen Meeren kreuzen lassen. Der Versuch, sich als Nachfolger Alexanders des Großen zu präsentieren, war offensichtlich. Augustus besuchte auch dessen Grab und berührte seinen einbalsamierten Leichnam.

Tatsächlich fielen die größten Eroberungen des römischen Reiches in die Regierungszeit des Augustus. Heute existieren 28 Staaten auf dem Gebiet des ehemaligen römischen Reiches, wie es zwischen etwa 1 v. Chr. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. bestand.

Unter Augustus wurde das Reich in folgenden Gebieten ausgedehnt:

  1. Im Norden und Nordwesten Spaniens erhoben sich die Kantaber gegen Rom. Titus Tatilius Taurus reiste nach der Schlacht von Actium mit 3 Legionen dorthin, Augustus folgte ihm wenig später. Doch erst Agrippa konnte 19 v. Chr. den Widerstand der Stämme endgültig brechen.
  2. In Afrika setzte Augustus ebenfalls Titus Tatilius Taurus als Statthalter ein. Er und seine Nachfolger mußten sich mit den räuberischen Berberstämmen auseinandersetzen, bis Baldus sie schließlich besiegte. Der Kern der Afrikapolitik war die Sicherung der Kornlieferungen nach Rom. Der Westen Nordafrikas war relativ unproblematisch.
  3. In Ägypten wurde Augustus als neuer Pharao verehrt. Sein ritterlicher Statthalter Gallus führte ein Heer gegen die Äthiopier und zerstörte deren Hauptstadt, nahm das Gebiet aber nicht in Besitz. Die Südgrenze Ägyptens blieb unsicher.
  4. In Asien bekämpfte der romfreundliche König Amyntas von Galatien die Bergstämme in der Provinz Kyllikien, nach seinem Tod wurde sein Reich in die Provinz Galatien umgewandelt. Die Bergstämme wurden erst einige Jahre später endgültig besiegt. Die römische Herrschaft in Zentralasien war gefestigt. Archelaus, als Statthalter in Galatien eingesetzt, heiratete die Witwe des Polemon von Bosporus. Obwohl Augustus wegen seiner Machtfüle mißtrauisch wurde, bleib er bis zur Zeit des Tiberius im Amt. Die Unruhen im Bosporus wurden von Polemon bekämpft, nach seinem Tod 8 v. Chr. von seiner ersten Frau Dynamis. Augustus übernahm also im wesentlichen die Politik des Antonius (und auch der Republik), die Provinzen durch Klientelfürsten (reges amici et socii) zu schützen.
  5. Innere Unruhen im Partherreich machten die Rückgabe der Feldzeichen des Crassus und der überlebenden Kriegsgefangenen 20 v. Chr. durch eine Drohgebärde des Augustus möglich. Danach war der Einfluß in Armenien der einzige Streitpunkt zwischen Rom und dem Partherreich. Die Einsetzung des romhörigen Herrschers Tigranes war daher ein großer Erfolg. Nach Tigranes’ Tod gab es erneut Spannungen. Der Großkönig Pharrats V. und Gaius Caesar, der designierte Nachfolger des Augustus, einigten sich, doch der nächste von Rom gestützte Herrscher ließ sich nicht halten. Im folgenden Krieg in Armenien fiel Gaius Caesar. Den Anspruch großer Gebietsgewinne im Partherreich hatte Augustus nach der Rückgabe der Feldzeichen fallen gelassen.
  6. Das Zentrum der augusteischen Außenpolitik war Mittel- und Nordeuropa. Durch die gesicherte Lage im Osten des Reiches war es möglich, starke Kräfte dorthin zu verlegen. In den Jahren 15-6 v. Chr. unterwarfen die römischen Heere die Binnenräume nördlich der Alpen, erreichten die Donau und überschritten den Rhein, um die gallischen Provinzen gestützt auf die befestigten Legionslager am Rhein offensiv gegen die ständigen Raubzüge rechtsrheinischer Germanen zu verteidigen. Als die seit 12 v. Chr. von Drusus über den Rhein geführten Expeditionen schnelle und große Erfolge brachten, weitete sich der Krieg bis zur Elbe aus und nahm den Charakter eines Unterwerfungskriegs an, mit dem Ziel, die germanischen Siedlungsräume auf Dauer zu beherrschen. Gleichzeitig erfolgte der Angriff auf Illyrien und Dalmatien, der sich nach der schnellen Erreichung des ersten Kriegszieles, der Sicherung einer Landbrücke von Gallien bis nach Kleinasien, zur Eroberung des gesamten Territoriums bis zur Donau auswuchs. Im Jahre 6 n. Chr. schließlich wurden 12 Legionen aufgeboten, um in einer großen Zangenbewegung der rheinischen und illyrischen Armeen dem Markomannenkönig Maroboduus in Böhmen den Garaus zu machen. Weder dieser Plan noch die Kriege in Germanien führten zum Erfolg. Ein großer Aufstand in Dalmatien und Pannonien (6 - 9 n. Chr. )zwang zum Abbruch der Offensive in Böhmen und zum Frieden mit den Markomannen, in dessen Konsequenz die Donaugrenze gesichert werden konnte. In Germanien vernichteten 9 n. Chr. meuternde germanische Auxiliarkohorten im Bündnis mit aufständischen Germanen drei Legionen unter Quinctilius Varus, 16 n. Chr. war Rom zum Rückzug hinter die Rheingrenze gezwungen.

Nach den Eroberungen des Augustus verliefen die Grenzen des Reiches wesentlich organischer und ohne tiefe Ausbuchtungen. Trotzdem kann man Augustus keine geographische Gesamtstrategie zuschreiben. Die lokalen Kriege drehten sich immer um Grenzsicherung, die Eroberung und Eingliederung der Kriegsgegner war nicht beabsichtigt und wurde teilweise auch nicht durchgeführt. Der Hauptgrund für die Kriege war stets die Errichtung von Kommunikationslinien zwischen Provinzen, also die Grenzsicherung. Vor seinem Tod hatte Augustus sein Ziel erreicht: ein unangefochtenes Weltreich mit sicheren Grenzen.