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Gelenkgerät

Seit einigen Jahren verlasse ich mich auf die Zeitanzeige meiner Mobiltelefone (dumm oder klug) und habe die Einschnürung meines linken Handgelenks noch nie vermisst. Deshalb sehe ich den prognostizierten Erfolg der Apple Watch zwiespältig: Der soziale Druck, meinen beruflichen Erfolg mit einer Patek Philippe zu demonstrieren, hält sich in Grenzen, aber als einziger re:publica-Teilnehmer ohne Apple Watch? Undenkbar.

Übergesetzlich

James Comey hat gewisse Bedenken gegen sicher verschlüsselte Mobilfunkgeräte:

I am a huge believer in the rule of law, but I am also a believer that no one in this country is beyond the law. What concerns me about this is companies marketing something expressly to allow people to place themselves above the law.

John Gruber betrachtet diese Äußerung als indirekte Befürwortung der iOS-Strategie, aber ich habe volles Verständnis für Mr. Comeys Sorgen.

Ich selbst stehe z.B. jeden Tag ein wenig über dem Gesetz, weil ich plane, in Deutschland eine absolutistische Erbmonarchie zu errichten, und die deutschen Sicherheitsbehörden nicht in meinen Kopf schauen können. Ein erhebendes Gefühl, aber natürlich sehr unbefriedigend für den Verfassungsschutz. Noch ärgerlicher muss es sein, wenn ich diese Pläne auf meinem iPhone verschriftliche und die zuständigen Dienste trotzdem nicht rechtzeitig informiert sind.

Keine Sorge, Mr. Comey: Ich schicke Ihnen eine E-Mail, bevor ich den Herrschaftsbereich des Kaiserreichs Deutschland über den Atlantik hinaus erweitere.

2014-2024

Meine Server sind (unvollständig) gepatcht, aber meine lokale bash ist weiterhin hackbar. Als Ausgleich für die verzögerte Problemlösung macht Apple mir ein sehr durchsichtiges Kompliment:

The vast majority of OS X users are not at risk to recently reported bash vulnerabilities. Bash, a UNIX command shell and language included in OS X, has a weakness that could allow unauthorized users to remotely gain control of vulnerable systems. With OS X, systems are safe by default and not exposed to remote exploits of bash unless users configure advanced UNIX services. We are working to quickly provide a software update for our advanced UNIX users.

Advanced user hin oder her – ich verlasse jetzt das Internet, bis Patches für alle denkbaren Shellshock-Exploits bereitgestellt wurden.

Zwangsprofitabel

Die VG Media ist eine bemerkenswerte Gesellschaft. Ihre erfolgreiche Kampagne für das Leistungsschutzrecht hat dazu geführt, dass Suchmaschinen mittlerweile sehr zurückhaltend mit der Anzeige von Suchergebnissen sind, die auf Websites deutscher Verlage führen. Da kann man nichts machen. Es sei denn, eine Suchmaschine ist relevant:

Im Fall von Google würden [die durch die VG Media vertretenen Verlage] einen solchen Schritt als Missbrauch der marktbeherrschenden Stellung interpretieren und versuchen, dagegen juristisch vorzugehen. Die Suchmaschine von Google soll die Verlags-Inhalte, die sie nicht anzeigen darf, anzeigen müssen — und dafür zahlen.

Offenbar orientieren sich deutsche Verlage nicht nur redaktionell, sondern auch betriebswirtschaftlich an der katholischen Kirche.

Die guten Dinge

Das Internet erreicht seine erste Manufactum-Phase. Nicht nur im Feuilleton, sondern auch in einschlägigen Medien werden Blogs und RFC-basierte Kommunikationsformen bejubelt, während soziale Netzwerke in Einzelanwendungen zerfasern. Brent Simmons fasst die aktuelle Stimmung zusammen:

My blog’s older than Twitter and Facebook, and it will outlive them. It has seen Flickr explode and then fade. It’s seen Google Wave and Google Reader come and go, and it’ll still be here as Google Plus fades. When Medium and Tumblr are gone, my blog will be here.

The things that will last on the internet are not owned. Plain old websites, blogs, RSS, irc, email.

In Deutschland konzentriert sich die Debatte auf Linklisten, die nicht nur automatisierbar, sondern offenbar auch dringend geboten sind, um das Web zurückzuerobern. Wohlan: Wo ist mein liebevoll in einer traditionellen thüringischen Software-Schmiede handgedengelter Zweihänder?

Soylent Gray

Ein geruchloses, dickflüssiges, beigefarbenes Getränk, das alle wichtigen Nährstoffe enthält, Soylent zu nennen, könnte ein Zeichen von Humor sein. Leider klingt der Soylent-Entwickler in dieser Hinsicht genau so humorlos und pedantisch wie sein gesamtes Projekt:

Actually, in the original book Make Room! Make Room!, Soylent is made of soya and lentil. The movie changed many aspects of the book, though it’s still one of my favorite movies. My Soylent is human free.

Unfokussiert

13 Jahre nach der Einführung von OS X ist es immer noch nicht möglich, den Tastaturfokus per Tastenkürzel auf schwebende Systemdialoge zurückzuholen (jedenfalls nicht ohne Tricks). Ich prangere diese Mausorientierung an.

Don't Evaluate

Die intensive Betrachtung der quantifizierbaren Vor- und Nachteile einer Entscheidung kann dazu führen, dass ihre ethischen Aspekte vernachlässigt werden, was Mr. McNamara schmerzlich erfahren musste (ganz abgesehen davon, dass er sich verrechnet hatte). Für börsennotierte Unternehmen ist eine Vernachlässigung von Quartalszahlen zu Gunsten eines sittlich einwandfreien Geschäftsgebarens natürlich nicht ganz einfach, aber wenigstens ein bekannter Technologiekonzern könnte die Diskrepanz zwischen Unternehmenskultur und Unternehmensmotto durch eine minimale Anpassung auflösen. Um die Lösung zu erfahren, klicken Sie bitte einfach auf die Werbung am unteren Seitenrand, Mr. Page.

Scheckig 2

Ich kann die Usancen des US-amerikanischen Zahlungsverkehrs entspannt aus der Ferne betrachten, aber André Spiegel muss eigene Erfahrungen machen.

Und siehe da: Nicht Nostalgie fesselt US-Amerikanerinnen an Papierschecks, sondern prohibitive Gebühren für Überweisungen (Wire). Zwar verhindert die Verbreitung von Kreditkarten ein völliges Chaos (jedenfalls kurzfristig), trotzdem müssen US-Banken jede Menge unterschriebener Papierfetzen (zusätzlich zum Bargeld) handhaben.

Das erinnert aus betriebswirtschaftlicher Sicht ein wenig an die Grundsatzentscheidung der US-amerikanischen Mobilfunknetzbetreiber, Mobilfunknummern wie ortsgebundene Festnetzanschlüsse zu behandeln und die nach göttlichem Gesetz bestehende Preisdifferenz den Angerufenen in Rechnung zu stellen. Dieses System hat dazu geführt, dass Menschen (vor einigen Jahren) Anrufe nur sehr selektiv entgegennahmen, weil sie nicht wissen konnten, wie teuer das Gespräch für sie werden würde.

Sittengemäß

Vereinbarungen, nach denen man eine umfassende Einsicht in das eigene ökonomische Gebaren im Tausch gegen einen ausgesprochen überschaubaren Nutzen gewährt, müsste man eigentlich als sittenwidrig empfinden, aber Payback leistet seit einigen Jahren erfolgreich Abstumpfungsarbeit.

Durchschnittlich

Global betrachtet ist gute Ernährung offenbar nicht teurer als eine durchschnittliche Ernährung und müsste eigentlich sogar billiger sein.

Leider beeinflussen statistische Daten und theoretische Preise menschliches Verhalten nur in Ausnahmefällen. Andererseits: Die durchschnittliche Deutsche kann sich ohnehin nie anders als durchschnittlich ernähren.

Ungelöst

Ich würde Speicherplatz sehr gern als gelöstes Problem betrachten, aber 3,4 TB Mediendateien überfordern bezahlbare SSDs und bei einer Bandbreite von 50 Mbit/s sind Cloud-Dienste auch unabhängig von anderen Aspekten keine Lösung. Eine Umsiedlung nach Missouri hätte also schon gewisse Vorteile.

Prokrastination

Seit 2012 bin ich mehrmals wöchentlich in einen Admin-Account gewechselt (su - localadmin), um dort per Shell-Skript (sudo webstack) meinen lokalen Webstack (Apache/nginx/PostgreSQL) anzuwerfen, weil ich zu faul war, drei einfache plist-Dateien für launchctl anzulegen. In diesem speziellen Fall hätte ich vielleicht doch etwas früher automatisieren sollen.

Laissez-faire

Dass der Sprachschützer Andreas Hock neben Soziolekten auch die Formalisierung des Deutschen in seiner Funktion als Amtssprache ablehnt, zugleich aber staatlichen Sprachschutz nach französischem Vorbild (In Frankreich sorgt der Staat für den Schutz der Sprache. Wir überlassen unsere sich selbst.) fordert, zeugt von einem geringen Sprach- und Staatsverständnis.

Wrapper

Jahrelang habe ich mich über Word-Dokumente als Screenshot-Wrapper gewundert, aber der Versand von Bildschirmfotos unter Windows erfordert tatsächlich eine paste-fähige Applikation. Da die meisten Nutzerinnen keinen nativen Mail-Client verwenden, ist Microsoft Word für viele die nächstliegende Option.