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Entschuldigung

Diese Skala sollte man sich bei jeder öffentlichen Entschuldigung in Erinnerung rufen:

I was wrong, I'm sorry. > If I was wrong, I'm sorry. > If I offended you, I'm sorry. > I'm sorry you feel offended. > Fuck you.

Papiersparende Imperialisten

Nach eher ungünstiger Berichterstattung über das Verhältnis zu Mitarbeiterinnen und Lieferantinnen möchte sich Amazon als umweltfreundliches Unternehmen präsentieren und auf gedruckte Rechnungen für Privatpersonen verzichten.

Leider hat der sympathische Großkonzern die traditionelle Liebe der Deutschen zum deutschen Wald falsch interpretiert – durchschnittlich verbrauchen deutsche Arbeitnehmerinnen nämlich 0,68 Bäume allein mit Ausdrucken.

Pralinenmatrix

Frau Novemberregen entdeckt einen Fehler in der Matrix und ist leichtsinnig genug, über ihren vermeintlichen Fotobeweis zu bloggen. Vielleicht möchte sie aber auch gern mit Agent Smith Pralinen essen.

Chemie und Journalismus

Derek Lowe stemmt sich in seinem verdienstvollen Blog gegen die pauschale Abwertung von Substanzen, indem er geduldig chemisches Basiswissen vermittelt:

But you know something? You can say the same thing for chlorine. After all, it’s right next to bromine in the same column of the periodic table. And its use in World War I as a battlefield gas should be testimony enough. (They tried bromine, too, never fear). But chlorine is also the major part, by weight, of table salt. So which is it? Toxic death gas or universal table seasoning?

Knowledge again. It's both. Elemental chlorine (and elemental bromine) are very different things than their ions (chloride and bromide), and both of those are very different things again when either one is bonded to a carbon atom.

Der Gegenüberstellung von tödlichem Giftstoff und harmlosem Würzmittel würde Prof. Lauterbach wahrscheinlich energisch widersprechen, denn bekanntlich ist auch Natriumchlorid eine höchst gefährliche Substanz.

Verunsichert

Dr. Drang hatte ein einzigartiges Problem:

Turns out,™ Western Digital ships all its drives with the same UUID, and that’s what was getting SuperDuper! twisted around. I reformatted one of the drives, which changed its UUID, and since then, all’s been right with the world. Too bad the time I saved by buying Mac-formatted drives was more than wasted by the UUID confusion.

UUID is the acronym for Universally Unique Identifier, so it’s both wrong and oxymoronic for Western Digital to ship all its drives with the same UUID.

Anekdoten wie diese lassen apokalyptische Rants über den Zustand der digitalen Welt gleich weniger hysterisch erscheinen. Selbst wenn man die verfügbaren Plattformen optimal konfiguriert – es ist alles vergeblich. Vielleicht sollten wir mit einem gemeinschaftlichen Verzicht auf wirkungslose Verschlüsselungsversuche Rechenleistung einsparen und wenigstens das Weltklima retten.

War on Carbs

In einer sich wandelnden Welt kann man sich auf nichts mehr verlassen: Müslihersteller bieten getreidefreies Müsli an (Das Paleo-Kokos-Nuss-Crunchy wurde für Freunde der sogenannten Steinzeit-Diät entwickelt), und gesättigte Fettsäuren werden im WSJ nachdrücklich rehabilitiert. Auf Kosten der Kohlenhydrate:

The real surprise is that, according to the best science to date, people put themselves at higher risk for these conditions no matter what kind of carbohydrates they eat. Yes, even unrefined carbs. Too much whole-grain oatmeal for breakfast and whole-grain pasta for dinner, with fruit snacks in between, add up to a less healthy diet than one of eggs and bacon, followed by fish. The reality is that fat doesn't make you fat or diabetic. Scientific investigations going back to the 1950s suggest that actually, carbs do.

Selbst wenn der zu erwartende Religionskrieg unblutig verlaufen sollte – die Zeiten werden härter für entspannte Allesesserinnen.

Konsequenzlos

In den USA ist die Freedom of Speech kaum beschränkt: Menschen ohne herausgehobene Position können Gruppen von Menschen nahezu beliebig ohne rechtliche Folgen diffamieren. Lediglich besonders prominente Menschen müssen gewisse Konsequenzen für öffentlichen Rassismus oder aktive Homophobie einkalkulieren.

Diese Wirksamkeit sozialer Normen gilt einigen konservativen Amerikanerinnen als Pöbelherrschaft, weil sie Redefreiheit mit verbriefter Konsequenzlosigkeit ihres Handelns verwechseln. So wie ja auch keinerlei Zusammenhang zwischen dem Verhalten der Menschheit und dem Klimawandel oder zwischen Schusswaffen und erschossenen Menschen bestehen kann. Ich warte auf den Moment, in dem jegliche Kausalität als blasphemisch und unamerikanisch gebrandmarkt wird.

Entzündete Schnittstellen

Don Dahlmanns Erkenntnis bezüglich der stabilen Netzanbindung der eigenen Wohnung – Mit laufendem Providerverträgen, die sorgenfreies Internet liefern, verhält es wie mit stabil laufenden Rechnern und schlafenden Babys: Einfach in Ruhe lassen.überträgt Antje Schrupp auf ihre Haltung zur nahenden Cyborgisierung größerer Bevölkerungskreise. Neben den sehr klugen und grundsätzlichen Überlegungen kann ich vor allem ihre Einstellung zum eigenen Körper gut nachvollziehen:

Der einzige Versuch von Körpermodifikation in meinem Leben war ein gestochenes Ohrloch, das sich hinterher permanent entzündete. Dann kam ich zu der Überzeugung: Mein Körper ist völlig okay so, wie er ist, no need to improve. No need im doppelten Sinn des Wortes – keine äußere Notwendigkeit, weil ich keine gesellschaftlichen Normen darüber, wie ein (weiblicher) Körper auszusehen hat, akzeptiere, und keine innere Notwendigkeit, kein Bedürfnis meinerseits, weil – ja, so banal: Ich Angst vor Arztbesuchen und medizinischen Eingriffen aller Art habe.

Ich habe ein etwas ehrfürchtiges Verhältnis zu meinem Körper, oder, wie man früher sagte, meinem Leib, den ich nämlich nicht habe, sondern der ich bin. Wenn ich ihn mit jeder x-beliebigen Maschine vergleiche, die ich kenne, hat mein Leib (habe ich) eine außergewöhnliche Fähigkeit zum fortwährenden Funktionieren, relativ geringen Wartungsbedarf, wenn man seine Komplexität betrachtet, und eine erstaunlich weitreichende Fähigkeit zur Selbstreparatur. Und meine gesamte Existenz ist von ihm abhängig, geht mein Leib kaputt, bin ich selbst kaputt, schlimmstenfalls sogar tot. Also ehrlich, da gehe ich lieber auf Nummer sicher. Never change a running system.

Infrastrukturvertrieb

Das famose Techniktagebuch enthält viele zeitlose Anekdoten aus der Welt des Vertriebs:

Ich erhalte einen Anruf von meinem Internetprovider. Man habe vor, die DSL-Technik von Anbieter A auf Anbieter B umzustellen. Dies sei eine sehr gute Idee, böte doch Anbieter B deutlich bessere Leistungen. So würden Verbindungsabbrüche der Vergangenheit angehören, freute sich die junge Dame am Telefon. Ich erwiderte, dass ich keine Verbindungsabbrüche erleben würde, was sie in ihrer Gesamtfröhlichkeit nicht störte. Sie verkündete mir, dass das Netz aber schneller werden würde. Ach, sagte ich, schneller als die 16 Mbit/s, die ich jetzt habe? Nein, meinte sie unbeirrt, aber dennoch schneller. Bevor ich mein über mir schwebendes Fragezeichen einbringen konnte, setzte sie hinzu: Ach ja, ihre Leitung wird während der Umstellung ca. vier Wochen nicht erreichbar sein, aber sie bekommen einen UMTS-Stick mit 1GB Datenvolumen als Ausgleich.

Diese spezielle Erfahrung musste ich mit meinem äußerst soliden lokalen Provider noch nicht machen. Dafür besuchen mich regelmäßig Vertrieblerinnen auf Provisionsbasis, die den Eindruck erwecken möchten, sie arbeiteten im Auftrag meines derzeitigen Stromlieferanten, und mir Umstellungen meines laufenden Vertrags anbieten. Ich vertröste sie dann geduldig auf 2064, wenn ich das übliche Alter für schamlose Betrügereien an der Haustür erreicht haben werde.

Unmetrisch

US-amerikanische Köchinnen haben mein volles Mitgefühl, und ein Umrechnungsdiagramm zwischen Gallonen, Pints, Quarts, Cups und verschiedenen Löffeln ist in ihrer Situation sicher sehr praktisch. Aber um es mit einem persischen Gesandten zu sagen – this is madness.

Technik auf Reisen

Von allen interessanten Publikationen kommt das Techniktagebuch meinem eigenen Erlebensfokus am nächsten, und es ist mir ein großes Vergnügen, Kathrin Passigs Notizen zu Fluglinienapps und Gadget-Regularien, Hotel-WLANs und Steckdosenausstattung zu ergänzen.

Weil die Lufthansa-App bislang alle Bordkarten problemlos bereitgestellt hat, bin ich vor meinem Rückflug aus Salzburg über eine kryptische Fehlermeldung etwas erstaunt. Nach intensivem Nachdenken fällt mir auf, dass der Rückflug von Austrian Airlines organisiert wird. Ich lade mir also die Austrian-App herunter, die den Check-In allerdings ebenfalls verweigert. Tatsächlich wird der Flug nämlich von Germanwings durchgeführt, und die Germanwings-App stellt mir auch sofort eine Bordkarte aus, die ich in Passbook speichern kann. Leider sind digitale Bordkarten am Flughafen Salzburg nicht gern gesehen: Bei der Gepäckaufgabe wird mir ein Papierschein aufgenötigt.

Im Gegensatz zur Lufthansa sehen übrigens Austrian Airlines, Tyrolean Airlines und Germanwings die Nutzung von elektronischen Lesegeräten ähnlich entspannt wie offenbar Airberlin – meinem Sitznachbarn wird sogar konzentrierte Arbeit mit Microsoft Excel während der Landung nachgesehen.

Das Hotel roomz in Graz und das Motel One in Salzburg bieten gleichermaßen unkompliziertes WLAN (wobei die Bandbreite in Salzburg sehr zu wünschen übrig lässt und ich nur drei Geräte mit meinem temporären Account nutzen darf). Die Hotelzimmer verfügen über jeweils 5 günstig gelegene Steckdosen.

Gute Lobby, böse Lobby

Die Kernzielgruppe der FDP ist ziemlich eifersüchtig, weil ihre Lieblingspartei sich wiederholt mit noch finanzkräftigeren Gruppen eingelassen hat:

Und ich will, sagt die Juniorchefin, dass die FDP endlich wieder für Inhalte eintritt. Für die Interessen von Familienunternehmen. Nicht für Lobbys und Banken.

Digitale Bedrohung

Die Kaltmamsell berichtet, dass die Digitalisierung bereits 1986 als Bedrohung gesehen wurde:

Gerade wenn das Manuskript Kraut und Rüben ist, wenn das Wichtigste im letzten Absatz steht, die Hälfte des Rests irrelevant ist, ginge es erheblich schneller, wenn ich ihn selbst neu ins System eintippte (obwohl ich mit Beginn meines Volontariats zum ersten Mal auf einer Tastatur getippt habe). Doch das verbietet man mir, wegen der Gewerkschaft: Ich dürfe auf keinen Fall den Texterfasserinnen die Arbeit wegnehmen. Also schneide ich Absätze aus und klebe sie um.

Während Technikvisionärinnen seit Jahrzehnten vom Verschwinden des Papiers phantasieren, hat die Gewerkschaft mit ihrer Besorgnis recht behalten: Texte werden heute von Autorinnen erfasst, Druckerinnen werden dagegen trotz DTP-Revolution und E Ink weiterhin gebraucht.

Kaufkraft

Dass Menschen in der Theorie lieber 150% mehr als 50% weniger im Vergleich zu ihren Mitbürgerinnen verdienen (auch wenn das geringere Einkommen mit einer höheren fiktiven Summe ausgedrückt wird), könnte man als erfreuliches Beispiel für ökonomischen Sachverstand in der Bevölkerung interpretieren. Wenn man aber im Laufe der aufreibenden Forschungstätigkeit das Prinzip der Kaufkraft aus der VWL-Vorlesung vergessen hat, verrätselt man das Ergebnis lieber und behauptet, den Befragten sei das eigene Einkommen nicht wirklich wichtig.

Noch einen Schritt weiter geht der Sonntagsökonom Patrick Bernau, der die Diskrepanz zwischen den experimentellen Ergebnissen und dem praktischen Handeln vieler Menschen auf die infrastrukturellen und sozialen Vorteile reicher Länder zurückführt. Für diese originelle Erkenntnis sollte Herr Bernau zum amerikanischen Wissenschaftler ehrenhalber ernannt werden.

Zombies

Berichte über Zombieplanspiele sind immer lustig. Bis zum Abgleich mit der Realität:

Eine Gattung von Zombies aber existiert nach Ansicht der Militärstrategen aus Nebraska tatsächlich: die chicken zombies. Sie entstünden, wenn Farmer in großem Stil alte Hühner, die keine Eier mehr legen, mit Kohlenmonoxid umbringen. Die Kadaver würden zu großen Haufen getürmt. Und es komme vor, dass sich Hühner, die doch nicht ganz tot waren, aus diesen Haufen herausgraben und wieder herumlaufen.

Überoptimiert

Das Bundeskanzleramt übertreibt es ein wenig mit der Optimierung der deutschen Bundeskanzlerin:

Die Ressortchefs werden gefragt, ob sie früher Vogel oder Nachteule seien, wie sie sich einen schönen Feierabend vorstellen – und was sie in der Freizeit machen. Ich bin gerne an der frischen Luft; wenn ich Zeit habe, lese ich auch gerne ein gutes Buch oder gehe in ein klassisches Konzert. Und ich koche gerne, antwortet da etwa die Kanzlerin.

Eigensinnig

Dr. Drang scheint nicht nur kreativ, sondern auch sehr vernünftig zu sein. Er verwendet seine Website als ausgelagertes Gedächtnis und verweigert sich einem verbreiteten Hype:

I’ve been playing around with Keyboard Maestro recently, but it still isn’t second nature to me. Often as not, I revert to my old ways and work up scripts in either AppleScript or Python and access them through FastScripts.

My greatest power user apostasy is that I don’t use Hazel. I’m sure it’s wonderful, but I’ve yet to see an example workflow—and I’ve seen many—that appealed to me.

Außerdem hat er eine ausgesprochen sympathische Einstellung zu seiner Optimierungsmanie:

Honestly, even if the spreadsheet method were faster, I’d still prefer to do this on the command line. It’s just more fun.

Beruhigende Insuffizienz

Während Google seit Jahren sehr passende Suchergebnisse liefert, sind viele Empfehlungsalgorithmen weiterhin grotesk unzulänglich. Meine Radio-App weist mich beharrlich auf André und die Morgenmädels von Radio Zwickau hin, und Amazon leitet aus meiner Bestellhistorie ein Interesse an Honda-Ölfiltern ab. Es könnte sich natürlich um eine bewusste Strategie handeln – hat die NSA eigentlich ein Budget für Desinformation?

Gender und AI

Nicht nur der Rassismus muss sich auf neue Rahmenbedingungen einstellen, auch sexistische Glaubenssätze sollten im Hinblick auf Robotik und künstliche Intelligenz eigentlich neu formuliert werden. Da diese Transferleistung geistig eher unbewegliche Sexistinnen überfordern könnte, werden aber vorerst die alten Vorurteile übernommen, die Frauen als emotional und/oder überwältigend (vgl. Her bzw. The Machine) charakterisieren. Unglücklicherweise wirkt auch der aktuelle Stand der Technik vorurteilsverstärkend, wenn die noch etwas begriffstutzige und unbeholfene digitale Assistenz mit weiblicher Stimme ausgeliefert wird.

Ich bin gespannt, ob sich die künftige dominante Art demnächst auf die maskulin konnotierte Tradition der Killermaschinen besinnt oder die fortgesetzte Herablassung mit einem robusten Bekenntnis zum Feminismus kontert.